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In einer normalen Schule verfügen maximal 20 Prozent der LehrerInnen über ausreichende Kompetenz, digitale Medien sinnvoll in den Unterricht zu integrieren by @ciffi

Die Bundesrepublik hat ausweislich vieler Studien wie etwa jüngst des „Bildungsmonitors 2013“ große Fortschritte gemacht. Das ist nicht falsch, aber zugleich beweist genau dieser Bericht des Instituts für Wirtschaft in Köln: Das Wettrennen um die besten Köpfe hat zwar begonnen – aber es ist alles andere als sicher, ob der Exportweltmeister und europäische Wachstumsmotor es gewinnt, auf Deutsch: Ob er genug MINT-Fachkräfte produzieren wird. Die Zeit, in der wir leben, ist nicht irgendeine, sondern es ist eine des Übergangs: Von der Industrie- zur Wissensgesellschaft; vom 19. ins 21. Jahrhundert; vom Handyverbot zur explosiven Verbreitung kleiner Wissensmaschinen namens Smartphone in den Hosentaschen unserer Kinder.

Die Studie zeigt, dass ein Kooperationsgebot viele Vorteile hätte: für den Einsatz moderner Medien an den Schulen

Klaus Kinkel

Sind die Bildungseinrichtungen der Republik auf diesen Wandel vorbereitet? Können die Schüler und Studierenden der Republik die fantastischen Möglichkeiten des individuellen und zugleich kollaborativen Lernens eigentlich auch in den Hoch-/Schulen anwenden? Gibt es an den Hochschulen bereits Moocs – oder wissen die Universitäten überhaupt schon, dass diese massive open online courses eine ideale Ergänzung zum face-to-face-Studium sein können? Finden deutsche Schüler in ihren Schulen adäquate Bildschirmarbeitsplätze, sei es in Computerlaboren oder mit einer Ein-Tablet-pro-Kind-Politik? Keine Spur.

Der kluge und zugleich unnachsichtige Damian Duchamps hat gerade eine überaus skeptische Sicht auf die Einführung medialen Lernens an den Schulen veröffenlicht.

Nach einer optimistischen Schätzung würde ich sagen, dass an einer normalen Schule maximal 20% der Lehrerinnen und Lehrer über eine ausreichende Kompetenz verfügen, digitale Medien sinnvoll in den Unterricht zu integrieren und zu vermitteln. … Die Kenntnisse in der Textverarbeitung beschränken sich bei vielen dabei auf minimalste Funktionen wie Fett, Unterstrichen, Linksbündig, Blocksatz und ähnlich. … Was sie beherrschen, haben sie durch Ausprobieren herausgefunden oder von Freunden gezeigt bekommen. Über eine systematisch vermittelte Grundkompetenz in Sachen digitaler Medien verfügen die meisten nicht.

Das ist einigermaßen niederschmetternd.

Und Mike Schnoor, der Anlass für Damians Post war, schrieb:

tl;dr
Als Elternteil wünsche ich mir für die Entwicklung meiner Kinder, dass die Bildung beginnend in der Grundschule sich mit digitalen Themen sinnvoll und zeitgemäß auseinander setzt. Freie Lern- und Lehrmaterialien bieten eine kostengünstige und mittlerweile wissenschaftlich einwandfreie Methode, um Wissen aktuell zu vermitteln. Die Armortisierungszeit für ein typisches Schulbuch beträgt acht Jahre. Schließlich veraltet nichts so schnell wie gedruckte Informationen.

Das klingt eher nach Hilfruf, nach Pfeifen im Wald, denn nach Zuversicht.

Deutschland ist, was die größte Herausforderung des Wissensmanagements seit der Erfindung des Buchdrucks betrifft, ein Entwicklungsland. Hierzulande wird gerne über die Bildungsarmut anatolischer Bauern gelästert, mit einem schiefen Blick auf die türkischen Migrantenkinder. Die Wahrheit ist, dass in der Türkei bald jeder Schüler ein Tablet sein eigen nennen wird. Das ist erneut nur ein Merkmal, aber ein kennzeichnendes: Wissenspolitisch liegt das Land der Ziegen nicht im Osten der Türkei, sondern zwischen Greifswald und Garmisch sowie zwischen Düsseldorf und Dresden. Nur ein einziger aus dem Reigen der Wissenschaftsorganisationen, Andreas Barner vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, hat dieses Thema angesprochen. Und, vor ein paar Tagen, der Präsident der Telekom-Stiftung, Klaus Kinkel. „Die Studie zeigt, dass ein Kooperationsgebot viele Vorteile hätte: für Lehrplangestaltung und Lehrerbildung (die besonders im Argen liegt), für den Einsatz moderner Medien an den Schulen…“

Die Frage ist: Wann geht’s endlich los, im Land der Ziegen?

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